Search
Generic filters
Exact matches only

Ein Radjournal von Brügelmann

The Service Course Girona

Ortstermin: The Service Course Girona

Ortstermin: The Service Course Girona

Zu Besuch in einem der besten Radläden der Welt

Brügelmann Blog 8. Mai 2020 8 min.

Es gibt Radläden – und es gibt Epizentren des Radsports. „The Service Course“ gehört definitiv zu letzteren. Wir waren kurz vor Beginn der weltweiten Reisebeschränkungen in einem der bekanntesten Radläden der Welt, haben einiges erlebt und mit dem Gründer Christian Meier gesprochen.

Was ist The Service Course?

The Service Course ist vor allem ein Fahrradladen mit dem gewissen Extra in Girona. Wenn man ihn nicht kennt und zufällig vor seinen Toren steht, dann würde man erstmal nichts Außergewöhnliches daran finden. Auf den zweiten Blick fällt einem dann aber auf, dass den Laden ein sehr schickes und durchdachtes Gesamtbild ausmacht. Dazu gehören nicht nur die Einrichtung mit den vielen detailverliebten Accessoires an den Wänden, sondern auch die ausgewählten Produkte, die es zu kaufen gibt.

Auf den ersten Blick erstmal nur ein Fahrradladen

Steckt man seine Nase mal ein wenig tiefer in die Ecken des stylischen Verkaufsraums, dann wird einem schnell klar, dass The Service Course mehr ist als nur ein Radladen. Der Grund: Neben den üblichen Eigenschaften eines Radladens hat The Service Course ein einfallsreiches und vor allem umfangreiches Gesamtkonzept. Es bietet eigene Bekleidungskollektionen: Von der Socke über Bibshorts bis hin zur Cycling Cap ist alles dabei. Sogar eine Extraserie für Frauen gibt es. Daneben lassen sich auch Fahrräder bei The Service Course erwerben. Allerdings keine „normalen“ Räder von der Stange, sondern exklusive Sonderaufbauten exklusiver Manufakturen. Darunter sind zum Beispiel Legor Cicli, Argonaut, oder auch Bastion.

The Service Course Bekleidung
Ganz schön schön: Bei The Service Course hat man bei der Einrichtung alles richtig gemacht

Das ist alles vielleicht etwas außergewöhnlich, aber noch lange nicht herausstechend? Stimmt. Was The Service Course aber wirklich besonders macht, ist die Möglichkeit, sich wie ein echter Profi zu fühlen. Das beginnt beim Fahrrad und endet beim Wäscheservice. Wer Lust und Zeit hat (natürlich in Verbindung mit dem nötigen Kleingeld), kann ein komplettes Wohlfühlpaket buchen, das sich aus den Punkten Premium-Leihrad, Tour mit Guide und Verpflegung, Massage und Wäscheservice zusammensetzt. Das Ganze lässt sich auch über mehrere Tage und mit Fokus auf Gravel oder Rennrad buchen.

Der Laden

Das Hauptquartier von The Service Course liegt im Zentrum von Girona. Von außen sieht man nicht sofort, um was es drinnen genau geht, außer vielleicht, dass das Thema Fahrrad ist. Mit dem ersten Schritt in den ändert sich das aber. Wir kamen rein und waren vor allem überrascht, wie weit nach hinten das Lokal reicht. Auf dem Weg durch den Laden konnten wir einiges auskundschaften. Angefangen vom Trinkbrunnen in romanischer Optik, über die Duschen und den Massageraum, bis zum Chill-Out-Bereich mit angrenzender Werkstatt. Dazwischen stehen immer wieder Highend-Bikes und ausgesuchte Produkte. Es gibt also viel zu entdecken und einiges zu bestaunen.

Interview mit Christian Meier

Beim ausführlichen Begutachten des The-Service-Course-Areals trafen wir natürlich auch auf den Gründer und Besitzer Christian Meier. Er war kanadischer Meister im Straßenrennen und nahm später an einigen großen Rundfahrten teil. Nach einer kurzen Smalltalk-Runde war unser Interesse an einem Interview schnell bekundet. Christian nahm sich dafür extra ein wenig Zeit und rief gleich noch einen Guide herbei, der für uns ein Rad flott machen sollte, um im Anschluss gleich noch eine Runde zu drehen.

Hallo Christian, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Stell dich doch mal kurz vor, wer bist du?

Oh, eine sehr gute Frage, fast schon philosophisch. Ich bin im östlichen Teil Kanadas geboren und aufgewachsen und dementsprechend Kanadier. Meine Eltern sind beide typische Arbeiter, er Mechaniker, sie Fleischerin. Sie stammen ursprünglich aus Deutschland und kamen 1975 nach Kanada, wo sie sich auch kennenlernten. Das hat mich alles sehr geprägt. Ich fing dann ziemlich früh an, Mountainbike zu fahren. Wo wir lebten, gab es wenige asphaltierte Straßen und ich wollte einfach mobil sein. Seitdem bin ich begeisterter Radfahrer. Ich liebe es einfach. Ich liebe aber auch das Abenteuer und neue Dinge zu entdecken. Das passt einfach alles richtig gut zusammen. Ich brauche auch das Gefühl, abends zu wissen, dass ich mich an dem Tag richtig gepusht und etwas geschafft habe. Das ist auch ein großer Teil meiner Persönlichkeit. Zu mir gehören auch meine Frau und zwei Hunde.

Was war dein erstes Fahrrad?

Nun ja, wir hatten als Bauernkinder immer Fahrräder und sind damit rumgefahren. Irgendwann habe ich dann in einem Zeitschriftenladen ein Mountainbike-Magazin gefunden und war absolut fasziniert. Ich bekam dann auch wirklich selber eins, ein Peugeot mit Federgabel und fing an, um unsere Farm herum Trails anzulegen. Irgendwie kam da auch schnell Ehrgeiz hinzu. Das passierte alles ziemlich schnell und ruckzuck nahm ich an Downhill-Rennen teil, dann an Cross-Country-Wettkämpfen. Irgendwann fing ich an, in einem Fahrradladen zu arbeiten. Der war über 20 Kilometer weg, für den Weg dorthin und zurück kaufte ich mir dann ein Rennrad. Da war ich etwa 17 Jahre alt und verliebte mich total in das Gefühl, ziemlich schnell überall aus eigener Kraft hinzukommen.

Wie kam es dann, dass du Profi geworden bist?

Ich verliebte mich nicht nur ins Rennradfahren, ich wollte es auch wirklich jeden einzelnen Tag tun. Da lag dieser Schritt einfach nahe und ich habe dann angefangen, fokussiert dafür zu trainieren.

Fehlt dir etwas von deinem Leben als Profi?

Was mir auf jeden Fall nicht fehlt, ist der Wettkampf. Rennen zu fahren, fehlt mir wirklich am wenigsten. Ich mochte immer den Teamaspekt, aber den habe ich ja jetzt bei meinem Job hier auch. Was mir aber wirklich fehlt, ist das tägliche Radfahren. Ich fahre zwar jetzt auch immer noch viel, im letzten Jahr waren es etwa 21.000 Kilometer, aber als Profi war das trotzdem noch mal etwas anderes.

Christian Meier The Service Course Girona
Ein unglaublich netter Gastgeber und supersympathischer Interviewpartner: Christian Meier

Wie würdest du The Service Course in einem Satz erklären?

The Service Course bietet professionelles Radfahren für wirklich jede*n, mit allem Drum und Dran.

Wann und wie kam dann die Idee mit The Service Course?

Wir hatten ja schon diesen Laden hier (La Fabrica) und merkten, dass das Konzept richtig gut ankommt. Dazu kam ein großer Anstieg der Tourismuszahlen, auch mit Bezug auf Radfahren. Wir sahen, dass hier Leute herkamen, die wenig Zeit, aber viele Ambitionen haben. Sie haben nur eine Woche Zeit, diese eine Woche soll dann aber atemberaubend sein. Deswegen haben wir unser Konzept genau danach entwickelt.

Warum dann ausgerechnet Girona?

Ich war während meiner Karriere sehr oft hier und habe mich danach hier niedergelassen. Es ist eine kleine, aber nicht zu kleine Stadt. Die Pyrenäen und der Strand sind in der Nähe, das Klima ist super, selbst Barcelona ist nur gute dreißig Minuten entfernt, hier passt einfach alles für unser Geschäft und unseren Lifestyle zusammen.

Und warum exportierst du dieses Konzept jetzt in andere Länder?

Oh, da gibt es einige Gründe. Zum ersten verändert sich der Radsport, weg von einem wettkampffixierten Sport hin zu einem Lifestyle. Genau das bieten wir an. Außerdem beginnen aktuell auch sehr viele Menschen mit dem Radsport. Die wollen wir quasi abholen und auf ihrem Weg unterstützen. Weiterhin gibt es sonst niemanden, der eine ähnliche  Vision wie wir verfolgt. Deswegen wollen wir mehr Menschen die Möglichkeit geben, daran teilzuhaben. Da das Reisen ebenfalls zu mir gehört, muss auch The Service Course auf die Reise gehen.

La Fabrica Bar Girona
Unsere Gesprächs- und Interviewstätte war La Fabrica, welches Christian drei Jahre vor The Service Course eröffnete

Gravel-Tour mit Guide und Super-Bike

Nachdem wir nun den Laden bis in die kleinste Ecke inspiziert und mit dem Chef persönlich einen Espresso getrunken hatten, war es an der Zeit, sich auf das Wichtigste zu fokussieren: Fahrrad fahren. Dazu durften wir uns aus dem Stall ein Gefährt aussuchen und ihm mit einem Guide zusammen die Sporen geben. Da wir aktuell stark vom Gravel-Fieber infiziert sind, haben wir uns für ein Open U.P. mit elektronischer Dura-Ace Di2 Schaltung entschieden. Durch die 650B-Laufräder waren wir auch für grobes Gelände ausgestattet. Das Wetter war zwar nicht das Beste, aber immerhin hatte der Regen aufgehört, was natürlich das Motto des Trips vorgab: There will be mud.

Gravelbikes Girona
Brian (links) zeigt uns die besten Gravel-Strecken um Girona

Raus aus der Stadt ging es nicht etwa auf einer großen Straße, sondern direkt auf einer richtig genialen Schotterpiste entlang des Riu Ter. Der kurvige Kurs führte uns entlang des Flusses in Richtung Norden. Einige Gravel-Abschnitte wechselten sich mit Asphalt ab. Gerade waren wir noch auf einem herrlichen Gravelweg, plötzlich fuhren wir auf eine Art Autobahn. Ich schaute meinen Guide Brian, welcher Ursprünglich aus Irland kommt, aber nun schon seit fünf Jahren in Girona lebt, ungläubig an. Als wir die vierspurige Straße lediglich kreuzten, glaubte ich ihm wieder. Nun ging es ins Hinterland. Es war eine herrliche Mischung aus flowigen Feldwegen mit knackigen Bergauf- und Bergabpassagen. Dann fuhren wir schon in Banyoles ein und ich folgte Brian zum idyllischen See Estany de Banyoles.

Gravelbikes Lago Estany de Banyoles
Der Lago Estany de Banyoles war leider schon der Wendepunkt unserer Graveltour. Immerhin haben wir ihn noch umrundet.

Nach einer kurzen Ausblick-Genießen-Pause, fragte mich Brian, ob wir den See vor der Rückfahrt noch umrunden wollen. Da musste ich nicht lange nachdenken. Feinste Gravel-Pfade führten uns um den See, bis wir wieder auf der Straße Richtung Süden waren. Nach ein paar Kilometern auf Asphalt ging es wieder über Hügel und kleine Dörfer offroad weiter. Dann erreichten wir leider schon die Stadtgrenze und huschten mit einigen Autos wieder nach Girona hinein. Der kleine Stadtpark mit seinen riesigen Bäumen war ein schönes Ziel dieser kurzen Gravel-Erlebnis-Runde und ein gebührender Abschluss unseres Besuchs bei The Service Course. Eins steht fest: Wir kommen auf jeden Fall wieder, nach Girona und in den coolsten Laden der Stadt.

Girona Gravelbikes
Im Hinterland gibt es einige Gravel-Pfade zu entdecken. Gut, wenn man dabei auf einen Guide wie Brian zurückgreifen kann

Seit Mitte dieser Woche ist immerhin die Werkstatt von The Service Course wieder geöffnet. Wir drücken die Daumen, dass es bald wieder richtig losgehen kann!

Instagram

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Instagram.
Mehr erfahren

Beitrag laden