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Ein Radjournal von Brügelmann

Cannondale Topstone Carbon Lefty 2021 Gravelbikes in Australien

Cannondale Topstone Carbon Lefty – ein Fully für Schotterwege

Cannondale Topstone Carbon Lefty – ein Fully für Schotterwege

Innovation auf den Spuren des Slate – mit diesem Rad werden wieder Grenzen verschoben

Brügelmann Blog 11. Juni 2020 6 min.

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Praktisch jedes Jahr bekommt man von der Firma Cannondale mindestens ein Fahrrad präsentiert, bei dessen Anblick man erst einmal nach Fassung ringen muss. Die Firma hat es sich zur Gewohnheit gemacht, mit Gepflogenheiten zu brechen und Maßstäbe zu setzen, hinter denen die Konkurrenz jahrelang vergeblich herläuft. Ein großer Teil dieser Firmentradition findet sich jetzt im neuen Topstone Carbon Lefty wieder: einem Rennrad mit einem federnden Hinterbau, einer einseitigen Federgabel mit 30 Millimetern Federweg und fetten 650b-Stollenreifen. Nachdem wir unsere Kinnladen vom Boden aufgesammelt haben, können wir die neuen Modelle vorstellen und klären, warum wir Fans sind.

Neue Features am Topstone Carbon Lefty

Das Topstone hatte bereits bei seiner Vorstellung geradezu nach einer Federgabel geschrien – jetzt hat es sie bekommen. Die Lefty Oliver bietet 30 Millimeter Federweg auf der Basis einer Konstruktion, die sich in den letzten Jahren als einer der Maßstäbe im MTB-Bereich in Sachen Ansprechverhalten und Steifigkeit bewährt hat. Sie ist dabei nicht einfach nur eine gekürzte Kopie, sondern hat ein auf den Gravelbereich abgestimmtes Federverhalten spendiert bekommen. Es gibt keinen Sag, die Gabel taucht also nicht wie am MTB bereits ein Stück in den Federweg ein, wenn du nur auf dem Rad sitzt. Das Ansprechverhalten ist dank des auf Nadellagern laufenden Tauchrohrs exzellent. Das hat leider seinen Preis: Ein knappes Kilo Mehrgewicht im Vergleich zur normalen Gabel bringt die Carbonversion der Lefty Oliver auf die Waage, die Aluminiumversion legt noch einmal 300 Gramm drauf. Aber wollen wir an einem Gravelbike wirklich eine Gewichtsdiskussion aufmachen?

Cannondale Topstone Carbon Lefty 1

Die Lefty zieht natürlich alle Blicke auf sich, aber darüber wollen wir nicht vergessen, dass im gleichen Atemzug auch neue Neo-Modelle mit vorgestellt wurden. Wie gehabt bei Cannondale unterscheiden sich die Neo-Modelle mit Bosch Performance CX Antrieb nur in kleinen Details von den „analogen“ Rädern. Auch sie bieten die aus letztem Modelljahr bekannte KingPin Federung am Hinterrad.

Wer braucht eine Federung an einem Gravelbike?

Klarer Fall: Wenn für dich ein Gravelbike ein Komfortrennrad ist, das du zum Pendeln, Wochenendtouren und gelegentliche Abkürzungen über Waldautobahnen benutzt, dann brauchst du gar nicht erst weiterzulesen. Theoretisch kann die Federung des Topstones natürlich auch schlechten Asphalt glattbügeln. Wer aber nur hin und wieder Forststraßen mitnimmt und sich ansonsten auf Asphalt bewegt, der ist mit fetten 650b-Reifen schon mehr als genug gefedert. Das neue Topstone ist ein Gravelbike für diejenigen, die einen Großteil ihrer Zeit im Sattel auf ruppigeren Wegen verbringen und auch gerne mal die Grenzen ihres Rades austesten. Das beinhaltet Ausflüge in Gefilde, die bisher eindeutig Mountainbikes vorbehalten waren: Wurzeln und durch größere Steine verblockte Trails sind Gift für ungefederte Reifen, mögen sie noch so breit sein. Hier macht die Federung einen echten Unterschied und eröffnet ganz neue Routen. Und auf langen Touren über grobes Gelände wirst du mit dem Topstone länger frisch bleiben, weil dein Körper nicht permanent durchgerüttelt wird.

Cannondale Topstone Carbon Lefty 2021 Gravelbike Australien
Langen Touren auf Schotter wird der Schrecken genommen, wenn dein Rad nicht jedes Steinchen ungefiltert direkt an Wirbelsäule und Handgelenke weitergibt

Die Federung ist vor allem ein Segen für die Neo-Modelle. Hier haben die Reifen nicht nur mehr Gewicht zu stemmen (das Topmodell wiegt gute 17 Kilogramm), sondern müssen auch die zusätzliche Motorleistung auf den Trail bringen. Die Federung mildert so nicht nur heftigere Schläge ab, sondern hilft auch den Reifen dabei, immer Bodenkontakt zu wahren. Das zahlt sich in kniffligen Bergaufpassagen aus, die du ohne Motor geschoben hättest, kann aber auch bergab Gold wert sein, wenn mitten in der Kurve plötzlich eine Wurzel auftaucht.

Cannondale Topstone Neo Carbon Lefty 2021 Gravelbike
Auch die Modelle mit Motor können abheben

Und warum dann kein MTB?

Eine Federgabel, ein gefederter Hinterbau, fette Reifen – das klingt so, als würden wir über ein Mountainbike reden. Sollte man dann nicht konsequent sein und feststellen, dass es nicht nötig gewesen wäre, ein neues Rad zu erdenken, wenn es bereits sehr fähige Mountainbikes gibt? So einfach ist es nicht: Das Topstone ist kein abgespecktes MTB, sondern ein Rennrad auf Steroiden. Es ist zuallererst durch seinen Rennlenker mit verschiedenen Griffpositionen vor allem auf langen Strecken vielseitiger. Auf flachen Abschnitten ist es schneller als ein MTB, denn obwohl es verglichen mit einer Kriteriumsrakete eine entspannte Sitzposition bietet, sitzt du im Vergleich zu einem MTB immer noch sehr windschlüpfrig.

Cannondale Topstone Carbon Lefty 2021 Gravelbike Geometrie

Vollkommen abgesehen davon, in welchen Situationen das Topstone eine rationale Wahl ist: Es macht einfach Laune, ein Rad zu fahren, das vor fast nichts zurückschreckt.

Und seine Federung ist leichter und weniger wartungsintensiv als ein klassisches Fully mit zig Drehpunkten und Kugellagern. Das Topstone will gar kein klassisches XC-Fully ersetzen – kann es mit nur 30 Millimetern Federweg auch gar nicht. Es verschiebt aber die Grenzen des Anwendungsbereichs von Rädern mit Rennlenker. Damit ist es für immer beliebter werdende Rennformate wie den Grinduro oder lange Rennen auf grobem Schotter die erste Wahl. Vollkommen abgesehen davon, in welchen Situationen es eine rationale Wahl ist: Es macht einfach Laune, ein Rad zu fahren, das vor fast nichts zurückschreckt. Mit einem Topstone kannst du im Stadtwald Mountainbikes hinter dir lassen, dich für ein langes Wochenende zum Bikepacken absetzen oder in den Alpen geschotterte Wirtschaftswege statt mit Motorrädern überlaufene Passstraßen fahren.

Cannondale Topstone Carbon Lefty 2021 Gravelbike Bikepark
Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken: Hier wäre eventuell ein anderes Fahrrad angebracht gewesen

Cannondale Topstone Neo Carbon Lefty 2021 Gravelbike Steinfeld
Auch wenn solche Abschnitte nicht alltäglich sind, ist es gut zu wissen, dass du mit dem Topstone Reserven hast

Das Cannondale Slate – ein Vorgänger moderner Gravelbikes

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Um das Topstone zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit nötig. 2015 waren Gravelbikes noch weit davon entfernt, eine der am schnellsten wachsenden Fahrradkategorien überhaupt zu sein. Es gab zwar bereits Rennen wie das Dirty Kanza und auch erste speziell dafür entwickelte Fahrräder (wie das Salsa Warbird). Trotzdem war Gravel eine kleine Nische irgendwo zwischen Cyclocross und MTB-Marathons inmitten einer notorisch konservativen Rennradszene, in der die meistgefahrene Reifenbreite noch irgendwo zwischen 23 und 25 Millimetern lag. In dieses Vakuum stieß das Cannondale Slate mit einer Lefty Federgabel, damals extrem ungewöhnlichen 650b-Slicks und einer MTB-inspirierten Geometrie. Es trug den Untertitel „New Road“, pfiff aber recht offensichtlich auf alles, was bisher mit Rennrädern in Verbindung gebracht wurde. Das war kein Rad, das primär gebaut war, um Rennen zu gewinnen, auch wenn es zwei Siege beim Dirty Kanza einfuhr. Mit dem Slate sollte man Spaß auf jeder erdenklichen Art von Asphalt bis leichtem Singletrack haben. Inzwischen wurde es eingestellt, aber selbst gut gebrauchte Exemplare lassen sich noch fast zum Neupreis verkaufen.

Das neue Topstone – das bessere Slate

Die Aluminiumversion des Topstones, die Ende 2018 in die Läden kam, war verglichen mit dem parallel auslaufenden Slate eine graue Maus mit deutlich zurückgedrehtem Partyfaktor. Ein klassisch geformter Rahmen ohne Gimmicks bot zwar zeitgemäße Features und überraschend günstige Preise, aber es fehlte der Aha-Effekt des einarmigen Vorgängers.

Cannondale Topstone Carbon Lefty 2021 Fahrerin auf Gravelbike
Ein Rennrad, für das Airtime wichtiger ist als Aerodynamik

Mit der Carbonversion, die 2019 nachgereicht wurde, änderte sich das zumindest teilweise. Die einzigartige „KingPin“-Federung mit flexenden Kettenstreben und einem kugelgelagerten Drehpunkt in der Sattelstrebe sorgte für Furore und kam nicht nur in unserem Test sehr gut weg. Viele Eigenschaften des Slate (zum Beispiel 650b-Laufräder) waren zu dem Zeitpunkt längst selbstverständlich, ein gefederter Hinterbau war es definitiv nicht. Und obwohl die KingPin-Federung nicht nur die Fachpresse überzeugte, fehlte auch dem ersten Topstone aus Carbon das gewisse Etwas.

Mit den Topstone Carbon Lefty Modellen kehrt Cannondale wieder an den Punkt vor fünf Jahren zurück, als das Slate vorgestellt wurde. Es ist nicht nur ein mit Innovationen vollgestopftes Gravelbike, sondern auch ein radikaler Vorschlag, wie Fahrräder mit Rennlenker in Zukunft gefahren werden könnten. Insbesondere die mit einem Motor ausgestatteten Neo-Modelle sind einen ganz besonderen Blick wert, da sie ganz besonders von der Federung profitieren.